Auf Wiedersehen, Georgien!

Dank fallender Temperaturen hatte sich die Stromrechnung für meine kleine Wohnung in Tiflis verdoppelt. Mit der Recherche für meinen Wanderführer war ich beinahe fertig. Und dann erzählte mir eine gute Freundin, dass sie einen Urlaub in Thailand und Myanmar plane.

Also entschloss ich, dass ich den Wanderführer auch problemlos in wärmeren Gefilden zu Ende schreiben könnte – und mittlerweile habe ich schon meine Zelte in Tiflis abgebrochen und genieße gerade für ein paar Tage den Meerblick auf Phuket in Thailand bevor es weiter geht nach Bangkok und dann Yangon. (Um ehrlich zu sein, es ist bewölkt und regnet, aber immerhin sieht man das Meer und Palmen.)

Kurz bevor ich aufbrach, fragte mich jemand, was mir an Georgien besonders gefallen hat – und was nicht so sehr. Hier das Ergebnis, jeweils die „Top 5“:

Was ich an Georgien vermissen werde:

  1. Die Leute
    Einige Ausländer, die nach Georgien kommen, finden die Menschen dort erstmal ein wenig unfreundlich, insbesondere wenn sie zuerst mit Ladenverkäufern und Marshrutka-Fahrern zu tun haben. Aber es dauert in der Regel nicht lange, bis man am eigenen Leib erfährt, wie gastfreundlich und herzlich die Leute hier sind.
  2. Großartige Wanderungen in den kaukasischen Bergen (und anderen Regionen Georgiens)
  3. Die warme Stube mit Holzofen in den Pensionen in den Bergen.
    Hier kann man herrlich an kalten Abenden und Morgen sitzen, dabei zusehen wie Käse gemacht wird, während man meist auch noch gefüttert wird mit frisch aus dem Ofen kommenden Gerichten. (Ich spreche leider immer noch nur wenige Worte Georgisch, aber „Xame, xame“ = „Iss, Iss“ werde ich so schnell nicht vergessen.)
  4. Die Mischung von Tradition (Musik und Tanz, Trinksprüche und Feiern) und Moderne, die in Georgien ganz natürlich erscheint.
  5. Die Metro in Tiflis. Es gibt zwar nur zwei U-Bahn-Linien und die Fahrt ist höllisch laut, aber es ist sauber, günstig, und man kann die längsten Rolltreppen benutzen, die ich bisher gesehen habe. Außerdem erspart man sich die Verhandlungen mit den Taxifahrern und den Versuch, das ziemlich unübersichtliche Minibus-System in Tiflis zu durchschauen.

Dinge, die ich NICHT vermissen werde:

  1. Georgischen Käse und Wein
    Es tut mir leid, dies zugeben zu müssen, weil fast alle Georgier ausgesprochen stolz auf diese regionalen Produkte sind. Ich habe schon auch ganz leckeren Käse und Wein in Georgien aufgetischt bekommen, aber so richtig überzeugt hat mich beides nicht. Ich bin ganz glücklich, mich jetzt erstmal eine Weile durch die thailändische Küche durchfuttern zu können.
  2. Frieren
    Ich musste mir natürlich einen der kältesten und verregnetsten Sommer der letzten Jahre aussuchen, um nach Georgien zu kommen, und dort auch noch ausgerechnet einen Wanderführer zu schreiben. Leider gibt es außer den erwähnten Holzöfen in der Küche normalerweise keine Heizung auf dem Land – ich weiß nicht wann ich zuletzt so sehr und so oft gefroren habe wie in den letzten sechs Monaten.
  3. Abfall überall
    Am Ende einer Wanderung wurden mein Begleiter und ich vom Regen überrascht. Netterweise nahm uns jemand im Auto mit. Während der Fahrer uns erklärte, dass er der Vizepräsident irgendeines georgischen Wanderclubs sei, kurbelte er das Fenster herunter und warf seine leere Wasserflasche hinaus – ein leider typisches Erlebnis in Georgien. Gerade viel befahrenen Strecken sind oft gesäumt von Abfall, und auch die schönsten Orte und Aussichtspunkte sind vielmals zugemüllt. Viele Georgier finden dies auch nicht toll, aber so recht verantwortlich fühlt sich kaum jemand.
  4. Seltene Wildtiere
    Diese werde ich deswegen nicht vermissen, weil ich schlicht keine gesehen habe, obwohl ich sechs Monate lang kreuz und quer durch das Land gewandert bin. Und das obwohl die georgischen Nationalparks eigentlich Heimat sind für eine beeindruckende Anzahl seltener Tiere. Freunde von mir haben immerhin einen Wolf in Tusheti gesehen!
  5. Eigentlich sollen es ja jeweils fünf Punkte sein, aber so recht fällt mir sonst nichts ein, was ich an Georgien nicht vermissen werde… Vielleicht noch, dass das Land politisch so gespalten ist, aber das Problem werde ich wohl leider auch in anderen Ländern antreffen.

So oder so, die positiven Eindrücke überwiegen auf jeden Fall die weniger angenehmen, und auch wenn ich mich jetzt erstmal darauf freue, einen ganz anderen Teil der Erde zu erkunden, freue ich mich doch schon jetzt darauf, irgendwann wieder nach Georgien zurück zu kommen. Es gibt noch viele schöne Wanderungen, die ich laufen möchte, und – wer weiß – vielleicht vermisse ich in ein oder zwei Jahren ja sogar auch den georgischen Käse…

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Der Artikel ist auch in English verfügbar.

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