Die hohe Kunst des Anstoßens

Georgier sind gesellige Menschen. Bei jeder Gelegenheit trifft man sich hier mit Freunden und Familie, normalerweise begleitet von viel Essen, georgischem Wein und natürlich “Tschatscha”, dem oft hausgemachten Tresterbrand.

Das Besondere hierbei in Georgien: Getrunken wird in der Regel nur, wenn jemand einen Trinkspruch vorbringt. Und mit einem einfachen “Auf die Liebe” oder “Auf uns” ist es dabei nicht getan! Georgische Trinksprüche gleichen oft kleinen Ansprachen, bei denen es mit viel Gefühl und Pathos um Werte wie Familie, Freundschaft, Liebe und Frieden geht.

Wann und wie auf was angestoßen wird ist dabei für den Nicht-Georgier manchmal schwer zu durchschauen. Wenn, zum Beispiel, auf Gott und die Dreifaltigkeit getrunken wird, steht man auf – aber nur die Männer in der Runde, die Frauen bleiben sitzen. Ziemlich verwirrend kann es auch sein, dass die Gläser oft nach dem Trinkspruch wieder abgesetzt werden und das Gesagte von den anderen Gästen erst einmal kommentiert und diskutiert wird. Oft wird dabei mehrere Male erneut angestoßen, bevor man dann tatsächlich trinkt. 

Als Ausländerin war ich überrascht,  was für eine ernste Angelegenheit diese Trinksprüche sind, selbst bei ganz informellen Anlässen. Egal wie ausgelassen die Runde gerade ist, wenn jemand ansetzt, einen Trinkspruch vorzubringen, wird es still und alle hören andächtig zu. Anschließend wird dann laut und kräftig weiter gefeiert, bis der nächste sein Glas hebt.

Ich denke, dass diese besondere Bedeutung dieser Tradition damit zusammen hängt, wie wichtig den Georgiern Gemeinschaft und Freundschaft sind. Man ehrt die Vorfahren ebenso wie Freunde und Gäste, die mit einem am Tisch sitzen. Und, vielleicht noch wichtiger, bei jedem Trinkspruch werden die Werte, die man gemeinsam hat, geteilt, diskutiert, und erneut bestätigt.

Selbst die jüngere Generation schätzt diese Tradition. Allerdings haben mir einige georgische Freunde auch gestanden, dass es ihnen davor graut, selbst einen Trinkspruch vorbringen zu müssen, eben weil die Erwartungen in Bezug auf Tiefgründigkeit und Wortgewandtheit so hoch sind.

Natürlich wird auf den Gast auch angestoßen, und auf dessen Familie und Ahnen, seine Gesundheit und so weiter. In meinem Fall hin und wieder auch darauf, dass ich einen guten Mann (möglichst einen Georgier) finden und viele Kinder haben werde.

Achtung: In der Regel wird dann auch erwartet, dass man sich im Laufe des Abends mit einem Trinkspruch revanchiert. Die meisten Georgier gehen zum Glück nicht davon aus, dass man als Ausländer dabei ebenso redegewandt und tiefgründig ist wie sie selbst. Aber wenn man dem Gastgeber und seinen Freunden eine Freude machen will lohnt es sich, ernsthaft darüber nachzudenken, was man sagen könnte.

Was ich noch schön finde an dieser Tradition der Trinksprüche: Trotz aller Ernsthaftigkeit der Themen und trotz des Pathos beim Vorbringen der Sprüche nehmen sich die (meisten) Georgier dabei selbst nicht zu ernst. Zwischenrufe und Scherze sind durchaus erlaubt. Vorsicht ist allerdings geboten – wenn es um Gott und die heilige Dreifaltigkeit geht sollte man sich dumme Sprüche doch lieber verkneifen.

P1090161Rast mit meinem Wanderbegleiter und einigen kazbegischen Hirten. Typisch georgisch mit Brot, Käse, Tomaten, Gurken, und natürlich Tschatscha und Trinksprüchen. An den anschließenden Abstieg ins Tal erinnere ich mich nur noch vage… 😉

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *